Bezirksrabbiner Victor Meyer Rawicz (1846–1915)

Der am 19. August 1846 in Breslau geborene Victor Meyer Rawicz war viele Jahre lang in der Ortenau als Bezirksrabbiner tätig, zuerst in Schmieheim und dann in Offenburg. Insgesamt zehn jüdische Gemeinden in der mittleren und südlichen Ortenau hatte ein Bezirksrabbiner zu betreuen; die größte war die Gemeinde Schmieheim, die 1827 zum Sitz eines Bezirksrabbinats bestimmt worden war. Insgesamt gab es im badischen Großherzogtum 15 solcher Rabbinatsbezirke.

Nach seinem Studium am liberalen Breslauer Jüdisch-Theologischen Seminar und seiner Ausbildung zum Rabbiner trat Victor Meyer Rawicz 1876 sein Amt als Schmieheimer Bezirksrabbiner an. Im ständigen Dialog mit seinen orthodox ausgerichteten Gemeinden gelang es ihm nach und nach, gewisse Veränderungen in der Liturgie einzuführen. Unter anderem wurden die Lesungen aus den Propheten in deutscher Übersetzung vorgetragen. Im Anschluss an das Gebet am Schabbatnachmittag organisierte er Jugendgottesdienste. Außerdem bezog er Mädchen vermehrt in das religiöse Lernen mit ein.

Nach der 1862 abgeschlossenen rechtlichen Gleichstellung der Juden verloren die jüdischen Landgemeinden – auch in der Ortenau – zunehmend an Mitgliedern, von denen viele in die ihnen bis dahin verschlossenen umliegenden Städte zogen. Aus diesem Grund und auf Wunsch Victor Meyer Rawicz’ hin wurde 1893 der Sitz des Bezirksrabbinats nach Offenburg verlegt, wo sich nach 1862 eine aufstrebende jüdische Gemeinde etabliert hatte. In Offenburg erteilte er neben seinen sonstigen Aufgaben als Rabbiner Religionsunterricht an höheren Schulen und inspizierte im Auftrag des Karlsruher Oberrats den Religionsunterricht in den Landgemeinden seines Bezirks.

Victor Meyer Rawicz war auch im gesellschaftlichen und kulturellen Bereich eine prägende Figur im öffentlichen Leben der Stadt Offenburg. 1884 gründete er den literarischen jüdischen Verein „Harmonie“; er knüpfte Kontakte zu Vertretern der christlichen Konfessionen, zu der Stadtverwaltung, aber auch zu Verbänden und Vereinen in seinem Bezirk. Victor Meyer Rawicz war ein aufmerksamer und kritischer Beobachter der politischen Verhältnisse im Kaiserreich; vor allem das Erstarken antisemitischer Parteien beunruhigte ihn. Immer wieder warnte er in Reden und Vorträgen vor dem Treiben der Antisemitenliga, u. a. 1881 in Ettenheim bei der Einweihung der dortigen Synagoge. Als im Juni 1893 anlässlich einer Wahlkampfveranstaltung der (antisemitischen) Deutschkonservativen Partei im Ettenheimer Gasthaus „Adler“ deren Reichstagskandidat Karl Rubin (1858–1922) aus Hugsweier behauptete, „der Deutsche fürchtet Gott und seine jüdischen Mitbürger“, verwahrte sich Rabbiner Rawicz in einer öffentlichen Stellungnahme vehement gegen eine solche „judenfeindliche Hetze“. In seiner 20-jährigen Amtszeit in Offenburg hat Rabbiner Victor Meyer Rawicz die jüdische Gemeinde entscheidend geprägt.

Am 22. August 1901 konnte er sein 25-jähriges Dienstjubiläum als Rabbiner feiern. An den Feierlichkeiten nahmen neben Repräsentanten des badischen Judentums auch Vertreter aus Politik und Gesellschaft der Stadt Offenburg, darunter der Oberbürgermeister Fritz Hermann, und der Region teil. In zahlreichen Reden wurde seine Tätigkeit als Rabbiner gewürdigt, aber auch seine Verdienste um die Wissenschaft des Judentums hervorgehoben. So hatte er fünf Traktate aus dem Babylonischen Talmud ins Deutsche, u. a. „Sanhedrin“ (beschäftigt sich mit jüdischem Recht) oder „Rosch ha-Schana“ (beinhaltet die Vorschriften zum jüdischen Neujahrsfest) übersetzt, die er 1886 bzw. 1892 im Eigenverlag veröffentlichte. 1913, nach 37 Jahren, die er als Bezirksrabbiner in Schmieheim und Offenburg wirkte, musste Victor Meyer Rawicz aus gesundheitlichen Gründen sein Amt niederlegen. Er zog nach Berlin, wo er zwei Jahre später (am 10. Oktober 1915) starb.

 

Bernd Rottenecker

Literatur

Frankenstein, Ruben: Das religiöse Leben in der Kippenheimer Synagoge und seine Gestalter. In: Schellinger 2002, 5. 111-142

Ruch, Martin: Jüdische Persönlichkeiten aus Offenburg: Wissenschaft, Kunst und Kultur. Offenburg 2013

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