ACHTUNG: Das Konzert mit der Lahrer Jugendmusikschule heute um 19.00 Uhr findet statt!

 

Die Lahrer Zeitung hatte gemeldet, es würde ausfallen. Das ist eine Fehlmeldung.

 

Wir freuen uns über Ihren Besuch!

 

 

 

 

 

 

20 Jahre Förderverein Synagoge Kippenheim e. V.

Rede von Helmut Rau, Kultusminister a. D. anläßlich der Feier des 20jährigen Jubilaums des Fördervereins Ehemalige Synagioge Kippenheim e. V. am 11. September 2016

20 Jahre Förderverein – und was war davor? Ist es müßig diese Frage heute zu stellen? Ja und nein. Wichtig ist, dass die Zeit der Verdrängung extrem belastender Geschichte vor Ort, da, wo wir wohnen und leben letztlich eben nicht dazu geführt hat, dass Erinnerung getilgt wurde, was viele Jahre zu befürchten war. Ich will deshalb gerne der Bitte nachkommen und die Arbeit des Fördervereins würdigen. Und da muss und darf ich heute feststellen, dass der Wunsch nach Verdrängung in diesen 20 Jahren eben nicht zugenommen hat.

Im Gegenteil, der Drang sich zu informieren und sich der Vergangenheit um der Zukunft willen zu stellen, nahm stetig zu und hat im konkreten Fall dazu geführt, dass die ehemalige Synagoge Kippenheim wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit geriet und dass sich Menschen fanden, denen es ein Anliegen war zu erhalten, zu erinnern, zu verstehen, den Austausch anzuregen. Insofern sind die 20 Jahre Förderverein, auf die wir heute zurückblicken kein Grund zum Räsonieren „warum nicht 50 oder 70 Jahre?“, sondern Grund zur Dankbarkeit an die, die sich aktiv und ehrenamtlich dieser Aufgabe gestellt haben. 

 

Längst haben wir uns daran gewöhnt, dass wir hier in der ehemaligen Synagoge regelmäßig ein hochwertiges Angebot an Veranstaltungen, Ausstellungen, Auftritten, an Musik und Literatur, an Information und Diskurs erhalten, das nicht selbstverständlich ist.

Gedenkstättenarbeit ist in Baden-Württemberg ein wichtiges Anliegen zahlreicher Gruppen von Menschen, die sich in unterschiedlicher Form organisiert haben, aber immer von Menschen ausgeht, die konkrete ortsbezogene Erinnerungsarbeit leisten und die Verbindung dieser historischen Verortung zum hier und jetzt vornehmen. Sie ist auch ein Anliegen des Landes, denn die Landeszentrale für politische Bildung fördert diese Gedenkstättenarbeit seit Jahrzehnten nicht nur materiell, sondern auch konzeptionell. Und so ist es konsequent, dass der Förderverein Mitglied in der Landesarbeitsgemeinschaft Gedenkstättenarbeit der Landeszentrale für politische Bildung geworden ist.

 

Erfreulicherweise kommt von dort ein jährlicher Zuschuss, der wirtschaften hilft, weil man alle Veranstaltungen frei zugänglich halten will und lediglich um Spenden bittet.

Unsere jüngere deutsche Geschichte hat uns nicht nur einmal gezeigt, dass Erinnerung an einen Unrechtsstaat, an Willkür und Unterdrückung die Voraussetzung sein muss, um nicht mit solchen menschenverachtenden Ideen erneut umzugehen. Wie über Menschen geredet wird, deren bloße Anwesenheit uns verunsichert, bestürzt mich. Die jüngsten Wahlergebnisse zeigen uns, dass die Arbeit im Dienste der Erinnerung nur bedingt erfolgreich war. Auch die Tatsache, dass Wähler von Linksaußen nach Rechtsaußen springen, belegt nur, dass Demokratie kein Selbstläufer ist, sondern vor dem Hintergrund möglicher Entwicklungen in Diktaturen aktiv verstanden und begleitet werden muss.

 

Es ist für uns hier in der Ortenau von großer Bedeutung, dass es eine lange Zeit gab, die von jüdischen Gemeinden und Mitbürgern geprägt wurde. Es ist für die Handlungsoptionen, die wir erkennen, von Bedeutung, dass wir auch eine historische Verortung vornehmen können. Auch Veränderung braucht nicht nur den Blick nach vorn, sondern die Kenntnis von Zusammenhängen, im Extremfall auch das Aufstellen von Stopp-Schildern in Kenntnis dessen, was geschehen ist und was viele sicher davor auch für unmöglich gehalten hätten. Etwa, dass alle Mitbürgerinnen und Mitbürger, die Juden waren, aus der Mitte der Gemeinden abtransportiert werden und es die anderen höchstens schulterzuckend geschehen lassen.

 

Das Böse schleicht sich immer wieder unter uns, es ist schlimmerweise Teil der menschlichen Existenz, aber es kann doch nicht angehen, dass wir seine Übermacht einfach akzeptieren. Heute ist der 11. September, auch so ein Tag, der uns erinnert an die unglaubliche Energie, die immer wieder eingesetzt wird um Unschuldige zu vernichten. Wenn die hier konkret betriebene Bildungsarbeit einen Sinn hat, dann den, dass wir verspüren, dass wir gemeinsam das Böse in die Schranken weisen müssen und können.

 

„Was darf ich hoffen?“, fragt sich Kant angesichts des radikalen Bösen, das sich siegreich zeigt, und er antwortet, dass gerade der Anblick der Verheerung fordere, dass diese nicht die einzige Wirklichkeit sei, und rechtfertigt die Hoffnung aller Verzweiflung zum Trotz. In diesem Sinn ist das Programm, das der Förderverein seit 20 Jahren hier konzipiert und ermöglicht, ein echtes Zeichen der Hoffnung.

 

Sie können sich meine Erschütterung kaum vorstellen, als ich im Steinbruch von Yad Vashem, der Shoah-Gedenkstätte in Jerusalem, die Namen von Dörfern eingemeißelt fand, deren Bürgerinnen und Bürger ich 24 Jahre lang im Landesparlament vertreten durfte, die mir ihr Vertrauen für meine politische Arbeit gegeben hatten. Kippenheim, Altdorf, Schmieheim, Nonnenweier, Ettenheim – da bin ich zuhause und da hat doch auch dieser unfassbare Vernichtungsapparat gewütet und die Menschen haben es zumindest hingenommen, wenn nicht aktiv begleitet und organisiert. Da hilft keine Routine der professionellen Distanz.

 

Oder Gurs, das Lager am Fuß der Pyrenäen, in das die badischen Juden zuerst deportiert wurden. Die Namen auf den Grabsteinen des Friedhofes lassen die Entfernung zu uns hier in Sekunden auf Null schrumpfen. Ich habe Steine auf den Grabstein eines Onkels von Stef Wertheimer gelegt, dem Kippenheimer Bub, der in Israel eine Weltkarriere gemacht und mit seinen 90 Jahren und seinem Vermögen immer noch mitarbeitet am Ausgleich der völlig unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen in seinem Land Israel. Er fragt mich jedesmal, wenn wir uns treffen, nach Veränderungen in Kippenheim, nach der Synagoge, nach Stolpersteinen, nach Wirtschaften. Es lässt ihn nicht los, aber er fürchtet, dass ein Besuch in Kippenheim zu viele Erinnerungen weckt. Also, auch das kann es geben – auch ein Hinweis für die Gedenkstättenarbeit.

 

Zurück zum Förderverein nach Kippenheim. Wer in der Einladung das Zitat aus Michael Nathansons Gründungsaufruf gelesen hat, der kennt die grundsätzliche Aufgabenstellung, die sich der Förderverein gegeben hat – die Geschichte der jüdischen Landgemeinden in Mittelbaden erlebbar darzustellen, ihre Kultur als lebendigen Beitrag unseres kulturellen Lebens zu erschließen. Das ist in einer aufopferungsvollen Arbeit gelungen.

Die Vielfalt der Themen und auch der Formen, in denen sie dargeboten werden ist großartig. Vielleicht ist das ein Ergebnis weiser Selbstbeschränkung. Etwa die Hälfte des Programms stammt nämlich aus Angeboten, die den Förderverein aus unterschiedlichsten Quellen erreichen. Das passiert einem nur, wenn man einen guten Ruf hat. Die andere Hälfte ist eigenkonzipiert. Dazu kommen zahlreiche Führungen, die auch den jüdischen Friedhof in Schmieheim einschließen.

 

So entstand hier, ohne dass der Landkreis das in irgendeiner Form besonders würdigt, die Gedenkstätte für das Judentum in der Ortenau, die viel mehr tut als nur die Geschichte der Opfer zu erzählen, wenngleich das natürlich der Ausgangspunkt der Gedenkstättenarbeit ist.

Man bevorzugt hier einen sachlichen Zugang zu den Themen, der den Weg zu Emotionen bereiten kann. Das Risiko einer ausschließlich emotionalen Programmentwicklung läge darin, sich dem Vorwurf der Überwältigung auszusetzen oder – was auch nicht besser wäre – Klischees zu bedienen. Sie sehen also, dass man sich sehr genau mit dem pädagogischen Konzept auseinandersetzt und die eigene Arbeit kritisch reflektiert.

 

Die Fokussierung auf die Geschichte des Judentums in der Ortenau beschreibt auch die Grenzen, die man zieht. Eine Bearbeitung aktueller politischer Konflikte, in denen Israel als Staat der Juden sich befindet, soll nicht Gegenstand der Gedenkstättenarbeit werden. Das würde die Akteure überfordern und vielleicht sogar den Kern ihres Auftrags gefährden. Das ist für mich gut nachvollziehbar.

Sehr berührt hat mich, dass einzelne jüdische Gemeinden in Kontakt zum Förderverein stehen und auch gelegentlich Veranstaltungen hier durchführen – eine Gemeinde hat gar ihren Schrein und zwei Thora-Rollen an Yom Kippur 2014 hierher gebracht und einen vollwertigen Gottesdienst gefeiert. Wer hätte das für möglich gehalten?

 

Ich danke nicht nur persönlich, sondern, ohne Amtsanmaßung eines ehemaligen Abgeordneten, für die Region, für die Ortenau und für diejenigen, deren Gedenken wach gehalten werden soll und muss, für den ehrenamtlichen Einsatz, für viele Stunden, aber auch für die gedankliche Arbeit und das Verständnis, das durch diese Arbeit gewachsen ist.

Ich wünsche Ihnen, dass es gelingt Menschen dafür zu gewinnen, diese Gedenkstättenarbeit weiterzuführen, dass Sie in der Öffentlichkeit respektiert und anerkannt werden, dass Ihre Arbeit Früchte trägt im Sinne des Gesagten.

Und ich danke nicht zuletzt für die Einladung heute hier zu Ihnen zu sprechen. Das war mir  eine Ehre.