Synagoge wieder geöffnet !

Die wochenlange Zwangspause hat nun ein Ende: Museen und Gedenkstätte dürfen wieder ihre Tore öffnen. Eine gute Nachricht für die Gedenkstätte „Ehemalige Synagoge Kippenheim“, die nun wieder für Besucherinnen und Besucher an den Sonntagen zwischen 14:00 bis 17:00 Uhr geöffnet ist.

 

Aufgrund ihres Erhaltungsgrades besitzt das ehemalige jüdische Gotteshaus einen besonderen architektur- und kulturgeschichtlichen Wert. In ihr spiegelt sich das wechselvolle Schicksal der badischen Juden, von ihrer Emanzipation im 19. Jahrhundert, bis zu ihrer Vertreibung und Ermordung durch die nationalsozialistischen Machthaber. Ein Zeitstrahl informiert über die Geschichte des Gebäudes; auf den Emporen widmet sich eine Dauerausstellung der „Geschichte und Kultur der Ortenauer Landjuden“.

 

Wegen der aktuellen Pandemie Corona werden die Besucherinnen und Besucher gebeten, einen Mundschutz zu tragen.

 

Herzliche Gratulation zum 90. Geburtstag!

Der 1930 in Kippenheim geborene Kurt Maier ist einer der letzten Zeitzeugen, die die Deportation der badischen Jüdinnen und Juden in das Lager in Südwestfrankreich Gurs und die drohende Vernichtung in Auschwitz überlebt haben. Am 4. Mai 2020 feiert er seinen 90. Geburtstag. Kurt Maier war zehn Jahre alt, als die Nazis am frühen Morgen des 22. Oktober 2020 an die Türe seiner Eltern in der Kippenheimer Querstraße pochten und sie anwiesen, sich für ihre Abholung bereit zu halten.

 

Am 4. Mai 1930 wurde Kurt Maier in Kippenheim geboren; sein Vater Siegfried Maier reiste als Handelsverkäufer für Stoffe durch die Dörfer in der Ortenau, seine Mutter Charlotte betrieb ein Kolonialwarengeschäft. Deutlich präsent sind Kurt Maier viele Ereignisse aus seiner Kindheit, die um das rituelle Leben der jüdischen Gemeinde und die Familie kreisen aber auch um gemeinsame Spiele mit Schulkameraden oder Fahrten aufs Feld mit einem Bauern aus der Nachbarschaft. Trotz dieser Glücksmomente war es keine unbeschwerte Kindheit, die Kurt Maier in seinem Buch “Unerwünscht – Kindheits- und Jugenderinnerungen eines jüdischen Kippenheimer“ beschreibt - über ihr lastete wie eine dunkle Wolke die Bedrohung durch den nationalsozialistischen Terror. Die meisten seiner Spielkameraden im Dorf waren christlich, anfangs gab es keine Ausgrenzung; auch der Besuch des evangelischen Kindergartens im Ort war selbstverständlich. Dies änderte sich schlagartig: Nach der Reichspogromnacht im November 1938 wurden Kurt Maier und sein älterer Bruder Heinz aus der Volksschule verwiesen; die beiden mussten nun die „Judenschule“ in Freiburg besuchen. Nur noch den Schabbat konnten sie zuhause verbringen.

Am 22. Oktober 1940 wurden die Brüder mit dem Taxi von Freiburg nach Kippenheim gebracht. „Wir hatten zwei Stunden Zeit, unsere Sachen zusammenzupacken“, erinnert sich Maier. Vom Deportationstag selber hat er nur bruchstückhafte Erinnerungen. Als er vor Jahren ein ihm bis dahin unbekanntes Foto von der Abholung der Kippenheim Juden sah, war er erstaunt, dass diese Aufnahmen am Nachmittag gemacht wurden: In seiner Erinnerung war es Nacht, als man ihn und seine Familie für immer aus ihrer Heimat riss. Auf dem Bild ist deutlich der 10-jährige Kurt zu erkennen, wie er zu einem der bereitstehenden Lastwagen geht. Das Foto ist mittlerweile in zahllosen Büchern, Aufsätzen und in Zeitungsartikeln erschienen. 

Vier Tage dauerte die Zugfahrt von Offenburg nach Gurs in Frankreich. Anders als für die Mehrzahl der Deportierten, endete für die Maiers die Zeit im Lager nicht in den Gaskammern: Eine Bürgschaftserklärung amerikanischer Verwandten für ein US-Einreisevisa rettete ihnen das Leben - buchstäblich im letzten Moment; wenige Wochen später wäre die Auswanderung wegen des Kriegseintritts der USA nicht mehr möglich gewesen. 

Die Familie Maier wohnte zunächst in der Bronx, dem nördlichsten Stadtteil New Yorks. „Wir nannten die Bronx scherzhaft das Vierte Reich“, schreibt Maier. Dort lebten viele deutsche Auswanderer, es gab deutsche Bäckereien und Metzgereien mit koscheren Leberwürsten und Landjäger. Zuhause am Esstisch wurde Deutsch gesprochen. „Die Sprache, das Essen, die Literatur, Deutschland ist für mich immer noch Heimat,“ meint Kurt Maier, und so verwundert es nicht, dass der promovierte Germanist in der Kongressbibliothek in Washington DC als Bibliothekar in der Abteilung für deutsche Geschichte und Literatur arbeitet. 

In den 1990er Jahre wurde Kurt Maier von den beiden großen Kirchen Badens als Zeitzeuge eingeladen, und er sagte zu. Seither besucht er fast jedes Jahr für zwei Wochen seine ehemalige Heimat, in der er mittlerweile mehr Freunde hat, als in Washington, wie er sagt. Morgens spricht er vor Schulklassen, am Abend stellt er sich Gesprächsrunden in kirchlichen oder anderen Einrichtungen. Die Menschen – vor allem Jugendliche - denen er bei seinen zahlreichen Vorträgen begegnet, verkörpern für ihn ein anderes, neues Deutschland. Unermüdlich mahnt er, die Freiheiten einer liberalen Gesellschaft nicht für selbstverständlich zu halten: „Man muss aufpassen. Das kann alles schnell gehen.“

2010 erhielt er vom damaligen Ministerpräsidenten Stefan Mappus den Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg für seinen „persönlichen Einsatz gegen das Vergessen" überreicht. 2019 wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande ausgezeichnet, das ihm Emily Haber, die Botschafterin der Bundesrepublik Deutschland in den USA übergeben.

Der Förderverein Ehemalige Synagoge Kippenheim e. V., mit dem Jubilar freundschaftlich verbunden ist, gratuliert herzlich zum 90. Geburtstag. Hoffentlich kann Kurt Maier am 21. Oktober dieses Jahres – trotz Corona – in seiner alten Synagoge sprechen, von seiner Kindheit in Kippenheim, der Deportation und von seinem Leben in den USA.

NEUERSCHEINUNG: Jüdisches Leben in der Ortenau 

1933 existierten elf jüdische Gemeinden auf dem Gebiet des heutigen Ortenaukreises. Besonders die südliche Ortenau lässt sich als „jüdische Landschaft" bezeichnen, denn hier gab es eine Reihe größerer jüdischer Gemeinden.

Das vorliegende Buch bietet eine Gesamtübersicht, die die vielfältigen Ergebnisse der Forschung für eine breite Leserschaft zusammenführt. Es besteht aus drei Teilen:

Teil 1 widmet sich der Gesamtgeschichte des jüdischen Lebens in der Ortenau vom Mittelalter bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges. Teil 2 porträtiert in alphabetischer Reihenfolge die ehemaligen jüdischen Gemeinden dieser Region. Teil 3 besteht aus einer Auswahl jüdischer Lebensgeschichten sowie biografischer Skizzen von Christen, die sich für Jüdinnen und Juden einsetzten oder sich um die Aufklärung der Verfolgungsgeschichte verdient gemacht haben. Die Autoren dieses Buches - aktive Mitglieder des Fördervereins Ehemalige Synagoge Kippenheim e. V. - wollen mit dieser Publikation nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch dazu beitragen, die Erinnerung an die Ortenauer Juden und an das an ihnen verübte Unrecht wachzuhalten. Erinnern tut not - umso mehr in einer Zeit der grassierenden Geschichtsvergessenheit und der Zunahme antisemitischer Hetze und rechtsradikaler Übergriffe auf Juden und Migranten.

256 Seiten mit vielen Abbildungen. Preis 20 €. Lieferbar über alle Buchhandlungen

ISBN 978-3-943874-25-9